Mein Opa hott änn de Gummi g´schafft!“

Unsere Reilinger Sprache tut sich schwer mit dem Hochdeutschen. So wurde das Wort „Rheinische Gummiund Celluloidfabrik“ nur als “ die Gummi“ bezeichnet. Die im Jahre 1873 in Mannheim gegründete Fabrik hieß zuerst „Rheinische Hartgummi-Waaren-Fabrik“ und stellte seit 1874 Weichgummi und seit 1874 Celluloid (in Reilingen sagte man „Zillid“ ) her. Im Jahr 1900 hatte der Betrieb in Mannheim-Neckarau bereits 6000 Arbeiter in rund 150 Gebäuden. Von Reilingen fuhren im Laufe der Betriebszeit der Firma zahlreiche Bürger als Pendler in „die Gummi“, um dort ihr Geld zu verdienen. Anfangs stellte die Firma hauptsächlich Schirm- und Stockgriffe, aber auch Presskämme (“ Leit kauft eisch Kämm , s´kumme lausische Zeide!“) und andere Toilettenartikel her.

1896 wurde die erste Puppe, eine „wasserfeste Badepuppe, aus Celluloid hergestellt. Als gesetzliches Warenzeichen diente die „Schildköte“. Die „Schildkröte“ als Firmenlogo sollte mit ihrem harten Panzer an das neuartige Material („Celluloid“) erinnern. Für die Puppenherstellung war es bruchfest, abwaschbar, farbecht und hygienisch (allerdings brennbar). Mit der „Blas-Pressmethode“ konnten kostengünstig Puppenköpfe und –körper, aber auch Tischtennisbälle aus Celluloid produziert werden. Durch Zusammenarbeit mit Käthe Kruse wird 1954 eine erschwingliche Puppe aus nichtbrennbarem „Tortulon“ entwickelt. 1965 heißt die Firma „Schildkröt AG“ und 1975 wird die Puppenproduktion in Mannheim eingestellt.
Unser Nachbar Hermann Fillinger war in den fünfziger Jahren Arbeiter in der „Gummi“ in der Nachtschicht. Wenn er in der Mittagszeit seinen versäumten Schlaf nachholen wollte, schloss er die Klappläden in seinem Haus in der Kirchenstraße 39 und bat uns Kinder auf der Straße nicht zu laut zu sein. Was wir aber oft nicht taten!! An Weihnachten konnten die Nachbarsleute bei ihm große Puppen bestellen, welche er als Mitarbeiter günstig besorgen konnte. Mit einer Riesenschachtel unter dem Arm lief er dann abends von der Bushaltestelle am Ortseingang in die Kirchenstraße. Und manches Mädchen träumte davon, dass an Weihnachten eine echte „Schildkrötpuppe“ unterm Christbaum liegen würde. Ein anderer Nachbar, Arno Schell, ebenfalls „Gummiarbeiter“ versorgte uns immer mit Kämmen aus Celluloid, welche beim Pressen einige fehlerhafte „Zähne“ hatten und dennoch als „Ausschuss“ wegen des Schönheitsfehlers zur Haarpflege benützt werden konnten. Die wiederaufgelebte Puppenfabrikation hat 1993 ihren Sitz nach Sonneberg verlegt. Seit März 2014 gehörtes zu Stadlbauer GmbH Puch in der Nähe von Salzburg.
Heute gibt es viele Sammler, welche die alten „Schildkrötpuppen“ verehren. In manchem Haushalt pflegen die Omas noch ihre Puppenschätze. Sammler geben weltweit Summen für Originalexemplare aus. Im Heimatmuseum haben wir nur ein Originalstück. Die bekanntesten Modelle sind Bebi Bub, Hans, Bärbel, Ursel, Inge Erika und Christel. Unter dem „Schildkrötzeichen“ findet sich auch das Herstellungsjahr. Das Mädchen mit Museumsleiterin Hildegard Bickle zeigt das Jahr „(19) 49“ an. Die Zahl am Bübchen wurde nicht festgestellt. Bildquelle: Werbeheft mit Schildkrötzeichen (um 1930): Spiele für das ganze Jahr zeigt die Schildkröt Puppenschar! („Spiele für das ganze Jahr“)
Philipp Bickle

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